Mit 49 in Rente: Warum ich meine Festanstellung gegen die Fotografie getauscht habe
Kurz gesagt: Ich bin Sven Schomburg, Fotograf aus Hamburg. Vor zehn Jahren habe ich nebenberuflich mit der Fotografie begonnen, vorgestern habe ich meine Festanstellung gekündigt, um ganz für das zu leben, wofür ich wirklich brenne.
Vor ein paar Tagen habe ich einen Beitrag auf LinkedIn geschrieben. „Mit 49 in Rente. Und trotzdem jeden Tag am Arbeiten.“ Ich hatte nicht damit gerechnet, was danach passiert ist. Unzählige Nachrichten und Kommentare, viele davon von Menschen, die mich schon länger verfolgen und mir geschrieben haben, dass es endlich Zeit wird. Glückwünsche, Mutmacher, ehrliche Freude für diesen Weg. Ich habe die Geschichte auch in meinen Instagram Stories geteilt, und auch dort war die Resonanz riesig. Das hat mich wirklich berührt. Und es hat mir gezeigt, dass es Zeit ist, die ganze Geschichte zu erzählen. Nicht nur die Kurzversion, sondern die von Anfang an.
2015: Der Anfang als Fotograf neben dem Job
Angefangen hat alles im Frühjahr 2015. Das ist inzwischen mehr als zehn Jahre her, eine halbe Ewigkeit. Ich war damals in Vollzeit angestellt und habe nebenberuflich als Fotograf gestartet. Wie bei vielen, die aus dem Hobby kommen, war mein Einstieg die Hochzeitsfotografie. Unter der Woche im Job, am Wochenende auf Hochzeiten unterwegs. Zwei Leben nebeneinander, die eine ganze Weile gut funktioniert haben.
Corona als Wendepunkt für die Fotografie
Dann kam Corona, wie wir alle wissen. Ich wollte in dieser Zeit nicht einfach rumsitzen, also habe ich, so wie es erlaubt war und mit Abstand, Schauspieler fotografiert und Menschen bei ihrer alltäglichen Arbeit in der freien Natur. So bin ich eher zufällig auf ein Restaurant gestoßen. Und mein Gedanke war sofort da: Ich komme selbst aus der Gastronomie, was liegt näher, als mal Köche zu fotografieren?
Viereinhalb Jahre Gastronomiefotografie
Daraus wurde etwas ganz Großes. Viereinhalb Jahre lang durfte ich für unterschiedliche gastronomische Unternehmen tätig sein, Reportagen liefern, sogar ein Kochbuch mitgestalten, „Gemüse gut, alles gut“, und für den Feinschmecker fotografieren. Die Eventfotografie war stilistisch an meine Hochzeitsfotografie angelehnt. Dazu kamen Porträts, was ich mir früher nie hätte vorstellen können. Und Food kam dazu, was ich lange langweilig fand, weil sich da ja nichts bewegt und keine Menschen im Bild sind. Aber das hat sich komplett gedreht, weil ich meinen eigenen Farbstil und Look auch dort einbringen wollte, für das, was der Koch am Ende kreiert hat. Aus der Arbeit für Gastronomiebetriebe entwickelte sich mit der Zeit noch mehr, ich durfte verschiedene Gewerke fotografisch begleiten.
Die Sicherheit der Teilzeitstelle
Nach Corona bin ich in eine Teilzeitstelle gegangen. Immer mit dem Gedanken: Wenn es mal nicht so läuft, habe ich ja noch meine Teilzeitstelle. Das hat einige Jahre gut funktioniert. Mein eigentliches Ziel war es aber schon damals, diesen Job irgendwann nicht mehr zu brauchen. Ich liebe die Gastronomie, ich habe sie gelernt und durfte als Aushilfe in verschiedenen gastronomischen Einrichtungen kochen. Diese Nähe zur Branche hat mir bei meiner Arbeit als Fotograf übrigens auch immer geholfen.
Wenn der Job dich aus deiner Kreativität reißt
Mit der Zeit spitzte sich etwas zu. Ich habe meine Arbeitsstunden immer öfter nicht mehr erreicht. Ich wurde immer wieder aus meinem kreativen Prozess rausgerissen. Manchmal fühlte sich das sogar gut an, mal aus der eigenen Business Blase rauszukommen und etwas Abwechslung zu bekommen. Aber unterm Strich hat es mich aus meinem kreativen Denken rausgezogen, immer wieder. Und daraus entstand ein Gefühl, dass ich meiner Anstellung nicht mehr richtig gerecht werden konnte. Gleichzeitig wurde mein Brennen für die Fotografie immer größer.
Der Moment, in dem ich meine Festanstellung kündigte
Das war der Punkt, an dem ich die Bremse gezogen habe, vorgestern. Es war nicht geplant, aber er war da, dieser Moment. Es ging dabei auch um meinen Körper. Er hat mir schon länger Zeichen gegeben, und ich lerne gerade, auf ihn zu hören. Dieses Mal war das Zeichen eindeutig. Und ich habe mir gesagt: Wenn nicht jetzt, wann dann. Den einen perfekten Moment gibt es sowieso nie.
Warum sich das nicht wie Arbeit anfühlt
Ich glaube, das ist der Punkt, um den sich am Ende alles dreht. Wenn du das machst, wofür du stehst, wofür du brennst, dann verschwimmt irgendwann die Grenze zwischen Arbeit und Leben. Es wird einfach zu dem, was du bist. Genau das erlebe ich jeden Tag mit meiner Kamera. Wenn ich Menschen fotografiere, echte Momente, echte Gesichter, echte Geschichten, dann arbeite ich nicht. Ich bin einfach da. Menschen müssen vor meiner Kamera nicht perfekt sein. Niemand muss aussehen wie ein Model. Gute Bilder entstehen dann, wenn Menschen sich wohlfühlen. Und ich glaube, genauso ist es auch mit der eigenen Arbeit.
Vielleicht kennst du das auch
Ich erzähle dir das nicht, damit du denkst, du müsstest jetzt auch alles hinschmeißen. Sondern weil ich glaube, dass es guttut, ehrlich darüber zu sprechen. Über zehn Jahre, in denen zwei Leben nebeneinanderliefen. Über die Sicherheit, an der man festhält, auch wenn man längst weiß, wohin man eigentlich will. Über den Körper, der irgendwann lauter spricht als der Kopf. Und über den einen Moment, der nie geplant ist, aber trotzdem genau richtig kommt.
Ich fühle mich gerade wirklich auf dem richtigen Weg. Und ich freue mich sehr auf alles, was jetzt kommt.
Vielleicht kennst du diesen leisen Gedanken auch, den du schon länger mit dir herumträgst. Ich würde mich freuen, davon zu hören.
Ganz liebe Grüße Sven


